Mit dem Begriff „Kommunikation“ wird gemeinhin eine Übertragung bzw. ein Austausch von Informationen bezeichnet. Jo Reichertz differenziert den Begriff, indem er ihn ein durch und durch soziales Phänomen nennt, über das in dieser vielschichtigen Form nur die Gattung Mensch verfügt. Kommunikation bei Reichertz meint symbolisch vermittelte Interaktion und somit eine Form des sozialen Handelns. Kommunikatives Handeln beschreibt folglich weit mehr als einfache Informationsübertragung, sondern vielmehr den gesamten Prozess der Verständigung. Personale oder institutionelle Akteure versuchen in der Interaktionsgemeinschaft mithilfe der Symbole, die sich diese Gemeinschaft angeeignet hat, in direktem oder vermitteltem Kontakt ihr Handeln zu koordinieren.
„Kommunikation ist also symbolvermitteltes Handeln von konkreten Menschen für konkrete Menschen in bestimmten Situationen und bestimmten Soziallagen.“ (Reichertz 2007, S. 299.)
Im Laufe der Zeit haben sich gewisse Disziplinierungen des Kommunizierens ergeben, die sich aus der Art und Weise, wie kommuniziert und interagiert wird, herauslesen lassen. Diese Disziplinierungen sind über alle Epochen hinweg von Gesellschaftschicht zu Gesellschaftschicht verschieden und meist nur innerhalb dieser Schichten wirksam.
Jo Reichertz gliedert sie folgendermaßen:
Die vier Disziplinierungen des Kommunizierens
• Die Disziplinierung des Sprechens
• Die Disziplinierung der Verantwortungsübernahme
• Die Disziplinierung des Zuhörens
• Die Disziplinierung des Antwortens
Die Disziplinierung des Sprechens bezieht sich auf den Menschen als Sprecher und Agierenden. Er muss sich, bevor er überhaupt etwas sagt, erst dem Angesprochenen zuwenden und sich auf diesen einstellen. Auswahl, Aussprache und Kombination der Wörter richten sich nach den Regeln der Phonetik, Semantik und Grammatik der jeweiligen Gruppe. Der Zuhörer ist hier also bereits Teil jeder Äußerung und beeinflusst und bestimmt diese mit.
In Radio Free Albemuth erzählt Nicholas seinem Freund Phil von seiner ersten paranormalen, dh. übersinnlichen Erfahrung. Er verrät vorerst nicht, dass er selbst dieses Erlebnis hatte, sondern präsentiert die ganze Geschichte als Idee für einen Science-Fiction-Roman. Phil selbst ist Autor solcher Erzählungen und Nicholas erhofft sich durch diesen Umstand Verständnis und Entgegenkommen seitens Phils. Nicholas, hier der Sprechende, passt sich der gegebenen Situation an und stellt sich auf Phil, seinen Gesprächspartner ein. (Dick 2008, S. 22f.)
Die Disziplinierung der Verantwortungsübernahme richtet sich ebenfalls an den Mensch als Sprecher und Agierenden. Hier übernimmt er durch das Aussprechen eines Satzes zugleich auch die Verantwortung für das Gesagte. Der Sprecher verspricht mit seiner Aussage, dass er in Zukunft etwas tun oder auch nicht tun wird. Die Bedeutung des Ausgedrückten lässt sich allerdings nicht über eine bestimmte Semantik, beispielsweise den Inhalt der Aussage eruieren, sondern gründet sich vorrangig auf die Erwartungshaltung der Interaktionsgemeinschaft. Der Sprecher kann aufgrund früherer Erfahrungen mit dieser Gemeinschaft abschätzen, was von ihm erwartet und angenommen wird, wenn er sprachlich handelt. Indem der Sprecher die Verantwortung für das eigene Sprechen übernimmt, wird aus der ansonsten bedeutungslosen Äußerung von Wörtern und Sätzen eine kommunikative Handlung. Weil man weiß oder zumindest zu wissen glaubt, was eine sprachliche Handlung nach sich ziehen wird, handelt man so, wie man handelt.
Als Beispiel aus dem Roman sei hier die Stelle angeführt, an der Phil Rachel nach freien Apartments in der Umgebung fragt. Aus dem Zusammenhang des Gesprächs und der Erwartungshaltung der Interaktionsgemeinschaft ergibt sich, dass Phil gedenkt, in die Nähe seines Freundes Nicholas zu ziehen. Rachel hakt noch einmal nach und fragt, ob Phil denkt, er solle hier sein, um sich um Nicholas zu kümmern. Indem Phil dies bejaht, macht er noch einmal eindeutig klar, dass er sich der Verantwortung bewusst ist, die er soeben übernommen hat. Obwohl es also nie ausdrücklich ausgesprochen wird, ist doch klar, dass Nicholas nicht einfach nur den Wohnsitz wechselt, sondern vielmehr, dass er ab jetzt auch als Unterstützung und Beistand für Rachel und Nicholas da sein wird. (Dick 2008, S. 62f.)
Die Disziplinierung des Zuhörens spricht den Menschen als Antwortenden und Reagierenden an. Zuerst wendet man sich dem anderen zu, um aktiv zuzuhören, wenn er das Wort an einen richtet. Man bemüht sich darum, das Gemeinte zu verstehen und kleine Verständnislücken zu füllen und hofft darauf, dass sich Sinn und Bedeutung dessen, was der Wortführer von sich gibt, im weiteren Verlauf des Sprechens erklären.
Außerdem meint diese Disziplinierung noch, dass man sich selbst aufmerksam zuhört, während man spricht. Welche Verpflichtungen man durch das Gesprochene eingeht, muss ebenso bedacht werden wie die Erinnerung an Gesagtes, das es im weiteren Verlauf des Sprechens zu berücksichtigen gilt.
Die Disziplinierung des Antwortens bezieht sich wieder auf die erste Disziplinierung, nämlich die des Sprechens. Auch Antworten ist Sprechen und somit zieht die Antwort ebenfalls Verantwortung mit sich. Innerhalb einer bestimmten Sprach- und Interaktionsgemeinschaft kann man nicht nach Belieben antworten, sondern muss sich wieder den Gegebenheiten und Gewohnheiten der Gemeinschaft anpassen, wenn Kommunikation gelingen soll.
In Hinblick auf Massenkommunikation wird durch die Disziplinierungen des Kommunizierens deutlich, dass Massenkommunikation nur in einem bestimmten Rahmen funktionieren kann. Bestimmte Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um Massenmedien Raum zur Verbreitung und Entwicklung zu bieten. Die Globalisierung bringt mit sich, dass dieser Rahmen immer größer und vor allem unüberschaubarer wird. Migranten aus den unterschiedlichsten Ländern gelangen in fremde Sprachräume, in denen sie sich nicht unmittelbar den lokalen Sprachgebräuchen anpassen können. Dadurch und auch weil in der politischen und medialen Kultur Wort und Tat oft gut erkennbar auseinander fallen, gelingt die Disziplinierung des Kommunizierens immer weniger.
Die komplexe Kommunikation zwischen Phil und Valis stellt im Roman auch ein zentrales Motiv dar, weil beide nicht der gleichen Interaktionsgemeinschaft angehören und sich somit viele Verständnisschwierigkeiten ergeben.
„Kommunikation wird in dieser Vielfalt dann schwieriger – nicht, weil man sich nicht versteht, sondern weil aus dem Verstandenen nicht mehr das folgt, was wir glauben, das ihm folgen sollte.“ (Reichertz 2007, S. 322.)
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